13. Oktober

Angriffslustige Affen und ein Kulturschock

Liebes Tagebuch,

heute ist eine Art Erleichterung in der Reisegruppe zu spüren. Nach drei Tagen voller geballter neuer Eindrücke und mit ständig neuen Leuten aus unserem Partnerkirchenkreis verlassen wir nun Nairobi und fahren aufs Land. "Aaaaah, wie schön." Stefanie Elsaßer entfährt ein Seufzer, als wir die Viertel mit den ärmlichen Hütten nicht mehr sehen und den Geruch nach verbranntem Kunststoff - sozusagen eine Müllverbrennungsanlage auf kenianische Art - nicht mehr in der Nase haben. Heute gönnen wir uns einen Besuch im Nakura Nationalpark. Nach zwei Stunden Stau in Nairobi und 100 Kilometer westwärts sind wir da.

Ein Traum, diese Flora und Fauna! Das erste, was wir sehen, ist eine Horde Zebras. Dann kommen Antilopen, Wasserbüffel, Affen, Strauße, Nashörner, Nilpferde, Flamingos - und sogar die scheuen Giraffen lugen hinter den Bäumen hervor. Das Ganze noch vor einer dermaßen malerischen Landschaft. Wir fotografieren, bis die ersten Akkus leer sind. Dass wir es hier mit frei lebenden und heimischen Tieren zu tun haben, wird Birgit Kreutzfeld schlagartig klar, als sie vom Affen angegriffen wird. Das kräftige Männchen kommt plötzlich durch die geöffnete Tür in unseren Bus geprungen, wo Birgit gerade ihre Objektive wechselt. "Der hat mich richtig angefaucht", erinnert sie sich später. "Mir haben ganz schön die Knie gezittert." Kein Wunder, stand sie doch Auge in Auge mit dem Tier auf engstem Raum im Bus.

Der nächste Schock folgt beim Mittagessen. Allerdings einer der etwas anderen Art. Ein Kulturschock. Auf halber Strecke steuern wir das einzige Lokal in der Gegend an - und finden uns in einem Touristenhotel mit Pool, Restaurant, sauberen Gängen und intakten Toilettenspülungen wieder. Ein Ferienparadies mitten im Nationalpark. Bewacht natürlich. Und nur feines Essen. "Hast Du das Essen genossen?", fragt mich Pastor Luke Mololo, der uns begleitet, anschließend. "Nein", sage ich. "Es ist doch so wie ein Knast für Weiße.Es ist nicht so wie Kenia sonst ist. Und bist DU hier im Urlaub, kommst Du kommst nicht mehr raus." Der Pastor muss lachen und schüttelt den Kopf. Die sind schon komisch, diese muzungos, denkt er bestimmt. Ich komme mir eher vor wie in einer schlechten Satire. Während die Gäste speisen, steht ein Massai auf der Terrasse. Für 100 Schilling (1 Euro) darf der Gast ein Foto von dem Mann in der Aufmachung traditioneller kenianischer Krieger machen. Ich frage mich, ob es wohl ein Schauspieler ist, der als Attraktion engagiert wurde. Vor der Terrasse hocken die Affen auf der Suche nach Nahrung - denn es ist sehr trocken und das Futter knapp. Ich frage mich, ob der Rest des Büfetts wohl weiterverwendet wird und denke an die jungen Mütter in den Slums. Es ist absurd. Henrike Thomas meint nur: "Irgendwie hätte ich jetzt lieber ne Schüssel Reis." Arm und reich, Touristenknast und Slums - wir haben heute unsere Lektion gelernt, sage ich mir auf dem Heimweg.